„Was in Zukunft passiert, erscheint heute als nicht wichtig. So auch die Pflege.“

Im Fokus steht bei STC immer eins: der Mensch. Was treibt ihn an, was beschäftigt ihn? Um einen Einblick in die aktuelle Pflegesituation in Deutschland zu erhalten, war Sabrina Müller bei STC zu Gast. Die junge Frau aus dem Westerwald arbeitet nicht nur für einen Wohlfahrtsverband, sondern studiert nebenbei Gesundheits- und Sozialwirtschaft. Wir haben Sie nach persönlichen Einschätzungen gefragt.

 

1. Frau Müller, zunächst eine allgemeine Prognose: Wie würden Sie die aktuelle Situation in Deutschland einschätzen, gerade in Hinblick auf den demografischen Wandel?

Müller: Pflege ist ein extrem relevantes Thema, vor allem im Hinblick auf den demographischen Wandel. Je älter ich werde, desto höher ist das Risiko eine Erkrankung zu bekommen, die mich einmal körperlich als auch psychisch einschränken kann. Dann ist man auf Hilfe angewiesen. Vom jetzigen Standort aus ist die Betrachtung jedoch sehr schwierig. Mit dem Faktor, dass Menschen länger leben, steigt auch die Dauer der Pflegebedürftigkeit. Dem gegenüber steht allerdings ein Wertewandel der jungen Generation, man will wieder mehr Familie und mehr Kinder bekommen. Auch die aktuelle Migrationsbewegung ist nicht miteinberechnet. Berücksichtigt man diese Aspekte könnte die Prognose in 30 Jahren wieder anders aussehen.

 

2. Wie ist das Bewusstsein der Menschen zur Pflegesituation? Wird das Thema Pflege ernst genommen oder verdrängt?

Müller: Das Bewusstsein ist schlecht. Die Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe, sind die, dass sich die jungen Leute nicht wirklich mit der Pflegesituation auseinandersetzen. Ich glaube, das hängt von der Diskontierung zukünftiger Ereignisse ab. Beispielsweise jemand, der Angst vor einem Zahnarztbesuch hat, wird das Ereignis immer weiter aufschieben. Denn das was in Zukunft passiert, erscheint heute als nicht wichtig. So auch die Pflege, beziehungsweise Pflegeversicherung. Es ist ein unangenehmes Thema, niemand will sich vorstellen, dass man von einer anderen Person abhängig wird. Das sind die Faktoren, die die Menschen dazu bewegen, sich nicht mit dem Thema auseinanderzusetzen.

 

3. Ab welchem Alter sollte denn so ein Bewusstsein über das Pflegerisiko aufkommen?

Müller: Schon junge Menschen, besonders die Berufseinsteiger sollten sich damit beschäftigen. Ab diesem Zeitpunkt kann man zusätzlich viel vorsorgen und sich etwas zur Seite legen. Einfach eine zusätzliche Absicherung haben, wenn man das möchte. Denn Pflege wird nur teilweise finanziert. Wenn der Pflegefall eintritt, übernimmt die gesetzliche Versicherung nur einen Teil der Kosten bevor es an das Vermögen des Pflegebedürftigen geht. Wenn das nicht ausreicht folgen Sozialleistungen oder das Vermögen der Angehörigen.

 

4. Gehen wir mal weg von der Gesellschaftsperspektive, was bedeutet der Eintritt der Pflegebedürftigkeit für den Betroffenen?

Müller: Natürlich sind die Menschen ganz unterschiedlich. Eine Resignation, jetzt selbst betroffen zu sein, ist definitiv bei einigen zu erkennen. Aber auch oftmals Einsamkeit, es ist kein schönes Gefühl die Selbstständigkeit aufzugeben. Ich bin abhängig von jemanden und habe vielleicht noch das Bewusstsein, ich würde ihm seine Zeit stehlen und eine Last sein. Damit kann auch ein gewisses Schamgefühl einhergehen, das bei manchen in eine Depression übergeht. Es lässt sich hier keine pauschale Aussage treffen.

 

5. Also kann es jeden treffen?

Müller: Natürlich, es kann jeden treffen.

 

6. Wie sieht die Perspektive der Angehörigen aus?

Müller: Für den Pflegebedürftigen ist die Situation schlimm, aber für die Angehörigen auch. Es ist eine Belastung, die Eltern, die sich das ganze Leben lang gekümmert haben, selbst pflegen zu müssen. Man erlebt auf einmal, wie hilflos ein Mensch wird. Eine große Rolle spielt zudem die zeitliche Komponente, wie sich Familie, Beruf und Pflege vereinen lassen. Mit der Entscheidung, die Mutter in ein Pflegeheim zu geben, haben viele ein schlechtes Gewissen. Da würde dann auch der Kostenfaktor hinzukommen. Alles in allem also eine extrem belastende Situation, die Angehörigen sind meist zerrissen.

 

7. Sie haben bereits sowohl den finanziellen als auch den zwischenmenschlichen Aspekt angesprochen. Wie beeinflussen sie sich?

Müller: Neben der schon genannten Abhängigkeit, gibt es natürlich den finanziellen Aspekt. Es ist ein erheblicher Kostenaufwand, egal wie man sich innerhalb der Familie entscheidet – ob stationär, ambulant oder Pflege der Angehörigen. Von der Pflegeversicherung gibt es nur einen Bruchteil, für den Restbetrag muss man selbstständig aufkommen. Es ist nicht einfach, viele ältere Menschen haben nur wenig Rente, von der sie noch etwas abgeben müssten. Dann gibt es oft Gewissensbisse, die eigenen Angehörigen finanziell zu belasten.

 

8. Aber es gibt ja Vorsorgemöglichkeiten durch private Pflegezusatzversicherung. Warum werden sie so selten wahrgenommen?

Müller: Ich glaube viele Menschen wollen sich nicht mit zukünftigen Kosten auseinandersetzen. Ganz nach dem Motto: Ich habe ja eine gesetzliche Pflegeversicherung, die übernimmt das alles. Setzt man sich allerdings ernsthaft mit den Zahlen auseinander, was von der gesetzlichen Pflegeversicherung übernommen wird und was nicht, entsteht ein ziemlich großes Loch. Das Loch muss allerdings gestopft werden und zwar aus eigener Tasche. Je nach Pflegestufe und in Anspruch genommener Leistung kann das sehr teuer werden.

 

9. Ist der Umgang mit der Vorsorge als zu fahrlässig zu beschreiben?

Müller: Letztendlich muss jeder selbst wissen, ob und wie er mit einer privaten Pflegeversicherung vorsorgen möchte. Ich plädiere dafür, sich zunächst überhaupt ein Bewusstsein zu schaffen. Wer sich mit dem Thema nicht auseinandersetzt, kann auch keine gut begründete Entscheidung treffen. Die Entscheidung ist jedem offen, aber man muss es erstmal wissen. Da sollte die Gesellschaft als ersten Schritt ansetzen.

 

Vielen Dank für Ihre Zeit.

 

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